Kinderwunsch, Schwangerschaft und Corona – was wir wissen und was empfohlen wird

Was wissen wir bisher zu dem Einfluss des neuartigen Coronavirus auf die Schwangerschaft?


Bekannt ist, dass das Virus bei jungen, gesunden Patienten meistens nur geringe Symptome verursacht, und bei Patienten mit Vorerkrankungen schwere Verläufe hervorrufen kann. Aber wie verläuft eine COVID-19 Infektion in der Schwangerschaft? Welche Auswirkungen kann eine Infektion auf das Baby haben?

Vor drei Monaten wusste noch niemand, dass SARS-CoV-2 existiert. Mittlerweile ist das Virus in fast jedem Land der Welt angekommen und es sind bereits über eine Millionen Infektionen (Stand 03.04.2020) offiziell bekannt. Eine hohe Dunkelziffer kommt hinzu.
Bei den meisten Menschen – bei rund 85 Prozent – verläuft die Infektion milde. Dann äußert sich die Infektion mit dem Coronavirus wie eine herkömmliche Erkältung. Bei ca. 30 Prozent verläuft die Infektion sogar ganz ohne Symptome. Gleichzeitig erleiden 15 Prozent der Betroffenen einen schweren Krankheitsverlauf. Durchschnittlich 5 Prozent der Infizierten werden intensivpflichtig und je nach Land sterben zwischen 0,2 und 5 Prozent an der COVID-19 Infektion (WHO coronavirus disease 2019 situation report).

Die ESHRE (European Society of Human Reproduction and Embryology) und die ASRM (American Society for Reproductive Medicine) haben Mitte März aufgrund der Corona Pandemie die Empfehlungen herausgegeben alle Kinderwunschbehandlungen zu beenden, bzw. keine neuen Behandlungen zu beginnen. Eine Begründung ist unter anderem die Neuartigkeit des Virus, es liegen bislang erst wenige Daten zu einer COVID-19 Infektion in der Schwangerschaft vor. Die entsprechenden Links finden Sie unterhalb dieses Beitrags eingefügt.
Gleichzeitig beruhigen die Gesellschaften für Geburtshilfe die schwangeren Patientinnen eher. Diese Empfehlungen der europäischen und amerikanischen Fachgesellschaften für Reproduktionsmedizin haben verständlicherweise zu großen Verunsicherungen bei vielen Frauen und Paaren mit Kinderwunsch geführt.

Was wissen wir bisher zu dem Einfluss des neuartigen Coronavirus auf die Schwangerschaft?


Das SARS-CoV-2 Virus ist noch sehr neu. Die ersten Fälle sind im Dezember 2019 aufgetreten. So sind unsere Kenntnisse noch sehr begrenzt zum Verlauf einer Infektion in der Schwangerschaft und insbesondere zu den langfristigen Effekten auf das ungeborene Kind. Auch von früheren Infektionswellen etwa mit anderen Coronaviren wie SARS und MERS gibt es nur wenige Daten. Immer mehr Antworten werden in den nächsten Wochen und Monaten gefunden werden.

Also, was ist bis jetzt bekannt?

Wie verläuft eine Infektion mit SARS-Cov-2/COVID-19 in der Schwangerschaft? Besteht ein höheres Risiko für schwerere Verläufe?


Momentan ist noch nicht bekannt, ob schwangere Frauen ein höheres Risiko haben als die Allgemeinbevölkerung an SARS-CoV-2 schwer zu erkranken. Insgesamt gibt es bislang international keinen Hinweis, dass Schwangere durch SARS-CoV-2 besonders gefährdet sind. Es wird erwartet, dass die meisten gesunden Schwangeren nur leichte oder mittelschwere Symptome wie bei einer Erkältung oder Grippe erleben.

Gleichzeitig kommt es in der Schwangerschaft zu physiologischen Veränderungen, wie ein verändertes Immunsystem, die viele schwangere Frauen anfälliger für eine Infektion und auch für eine Lungenentzündung machen kann. Zudem ist das Lungenvolumen in der späteren Schwangerschaft reduziert. So kommt es auch bei einer Influenza in der Schwangerschaft öfters zu schwereren Verläufen. Bei SARS und MERS waren im Allgemeinen die Krankheitsverläufe und Komplikationen auch in der normalen Bevölkerung schwerer als bei der aktuellen COVID-19 Infektion. Schwangere Patientinnen mussten bei SARS und MERS jedoch dreimal so oft beatmet werden wie nicht schwangere Frauen. Bei SARS-CoV-2 mussten bislang nur rund 2 Prozent der schwangeren Frauen beatmet werden (Dashraath et al. 2020).

Wenngleich auch schwere Verläufe primär bei älteren Menschen oder Menschen mit Vorerkrankungen auftreten, kann ein schwerer Verlauf in der Schwangerschaft nicht ausgeschlossen werden. Wenn bereits vor der Schwangerschaft eine Herz- oder Lungenerkrankung vorliegt, ist mit einem schwereren Verlauf einer COVID-19 Infektion zu rechnen.

Bei SARS-CoV-2 wird bisher bei schwangeren Frauen eine Mortalitätsrate von 0 Prozent, bei SARS von 18 Prozent und bei MERS 25 Prozent beschrieben.

Täglich werden derzeit neue Studien veröffentlicht. Aktuell sind in der wissenschaftlichen Literatur 55 schwangere Frauen mit COVID-19 beschrieben worden.

In einigen aktuellen Publikationen wird sogar spekuliert, dass Hormonveränderungen während der Schwangerschaft die Immunantworten gegenüber Viren und speziell gegenüber SARS-CoV-2 verändern. So wäre sogar mit milderen Verläufen einer COVID-19 Infektion bei Schwangeren zu rechnen (Dashraath et al. 2020).

Ist das Risiko für Schwangerschaftskomplikationen höher?


Bei SARS und MERS kam es in der Frühschwangerschaft bei sieben bekannten Infektionen zu vier Fehlgeburten und nach der 24. SSW kam es vermehrt zu Frühgeburten. Weder bei SARS noch bei MERS wurde eine Übertragung der Infektion in utero auf das Baby nachgewiesen.

Bislang sind bei COVID-19 Infektion in der wissenschaftlichen Literatur folgende Komplikationen in der Schwangerschaft beschrieben worden: Aborte (2 Prozent), Intrauterine Wachstumsretardierung (IUGR 10 Prozent) und Frühgeburtlichkeit (39 Prozent).

Wird die Infektion in der Schwangerschaft auf das Kind übertragen?


Bei den derzeit 55 schwangeren Frauen mit COVID-19 Infektion und 46 Neugeborenen, die wissenschaftlich beschrieben wurden, wurde keine sogenannte vertikale Transmission festgestellt. Es hat also keine Übertragung der Infektion von der Mutter auf das Kind während der Schwangerschaft stattgefunden (Dashraath et al Am J Obstet Gynecol 2020). Es besteht ein theoretisches Risiko, dass die Infektion auf das ungeborene Kind übertragen wird. Vor Kurzem wurde in der Presse von zwei Neugeborenen in China und London von COVID-19 infizierten Müttern berichtet, die kurz nach der Geburt positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden.
Bei allen Untersuchungen wurde bislang kein Virus im Fruchtwasser, Nabelschnurblut, Muttermilch oder Rachenabstrich bei den Neugeborenen von COVID-19 erkrankten Müttern nachgewiesen (Chen et al. 2020).

So gut wie alle untersuchten schwangeren Frauen sind im dritten Trimester an COVID-19 erkrankt. Bislang gibt es keine geburtshilflichen Daten über schwangere Frauen, die im ersten Trimester erkrankt sind. Dennoch gibt es eine gewisse Sicherheit, dass bei Kindern COVID-19 in den meisten Fällen sehr mild zu verlaufen scheint (Xu et al. 2020 und Cai et al. 2020).

Besteht ein Fehlbildungsrisiko oder andere Risiken für das ungeborene Kind bei einer COVID-19 Infektion in der Schwangerschaft?


Bei den bisher berichteten Fällen kam es, wie oben beschrieben, häufiger zu Frühgeburten. Von anderen Virusinfektionen der Atemwege wie Influenza, SARS-CoV und MERS-CoV weiß man, dass sie oft mit Risiken für Neugeborene in Verbindung gebracht werden. Dazu zählen etwa ein niedriges Geburtsgewicht und Frühgeburt.
Aufgrund der Neuartigkeit des Virus sind die Auswirkungen einer Infektion im ersten Trimenon und mögliche Fehlbildungen bei der Geburt noch nicht bekannt. Es liegen noch keine Daten vor. Bislang gibt es keine Hinweise auf mögliche Fehlbildungen. Bei den schwangeren Frauen im dritten Trimenon wurde keine Übertragung der Infektion auf das Kind im Mutterleib nachgewiesen.

Muss die Geburt bei einer COVID-19 Infektion per Kaiserschnitt stattfinden?


Die DGGG (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe) sagt hierzu, dass es keinen Grund für eine Entbindung mittels Kaiserschnittes bei einer vermuteten Coronavirus-Infektion gibt. Wenn jedoch aufgrund von Atemwegsbeschwerden oder anderen Gründen eine schnelle Entbindung erforderlich wird, so wird eine Kaiserschnittgeburt empfohlen.

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Quellen und Links zu den Empfehlungen der Fachgesellschaften:


Dashraath P, Jing Lin Jeslyn W, Mei Xian Karen L, Li Min L, Sarah L, Biswas A, Arjandas Choolani M, Mattar C, Lin SL, Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) Pandemic and Pregnancy, American Journal of Obstetrics and Gynecology (2020) (Link)

Chen H, Guo JMS, Chen W, et al. Clinical characteristics and intrauterine vertical transmission potential of COVID-19 infection in nine pregnant women: a 573 retrospective review of medical records. Lancet 2020; published online Feb 12. (Link)

Xu, Y., Li, X., Zhu, B. et al. Characteristics of pediatric SARS-CoV-2 infection and potential evidence for persistent fecal viral shedding. Nat Med 2020; published online Mar 13. DOI:10.1038/s41591-020-0817-4 (Link)

Cai J, Xu J, Lin D, et al. A case series of children with 2019 novel coronavirus infection: clinical and epidemiological features. Clin Infect Dis 2020; published online Feb 28. DOI:10.1093/cid/ciaa198 (Link)

DGGG – Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (Link)

ESHRE – European Society of Human Reproduction and Embryology (Link)

ASRM – American Society for Reproductive Medicine (Link)