Kinderwunsch, Schwangerschaft und Corona – was wir wissen und was empfohlen wird

21. Mai 2021 von Dr. med. Corinna Mann

Was wissen wir bisher über den Einfluss des neuartigen Coronavirus auf die Schwangerschaft?


Welche Risiken bestehen durch eine COVID-19 Infektion in der Schwangerschaft? Welche neuen Erkenntnisse zu einer COVID-Infektion in der Schwangerschaft gibt es? Täglich bekomme ich von vielen Patientinnen die Frage gestellt, ob sie sich bei Kinderwunsch gegen COVID-19 impfen lassen sollten.

Bekannt ist, dass das Virus bei jungen, gesunden Patienten meistens nur geringe Symptome verursacht, und bei Patienten mit Vorerkrankungen schwere Verläufe hervorrufen kann. Aber wie verläuft eine COVID-19 Infektion in der Schwangerschaft? Welche Auswirkungen kann eine Infektion auf das Baby haben?

Seit knapp geraumer Zeit breitet sich SARS-CoV-2 in der Welt aus. Ich habe mir jetzt nochmals alle bisherigen Studien, bekannten Daten und Empfehlungen der verschiedenen Fachgesellschaften angesehen.

Bei den meisten Menschen – bei rund 85 Prozent – verläuft die Infektion milde. Dann äußert sich die Infektion mit dem Coronavirus wie eine herkömmliche Erkältung. Bei ca. 30 Prozent verläuft die Infektion sogar ganz ohne Symptome. Gleichzeitig erleiden 15 Prozent der Betroffenen einen schweren Krankheitsverlauf. Durchschnittlich 5 Prozent der Infizierten werden intensivpflichtig und je nach Land sterben zwischen 0,2 und 5 Prozent an der COVID-19-Infektion (WHO coronavirus disease 2019 situation report).

Die Deutsche Gesellschaft für Reproduktionsmedizin gab im April die Empfehlungen heraus, alle Kinderwunschbehandlungen nach individuellem Ermessen weiterzuführen. Das bedeutet: Der Arzt oder die Ärztin entscheidet gemeinsam mit dem jeweiligen Paar, ob die Behandlung fortgeführt wird.

Während der ersten Welle wurden viele Behandlungen in Italien unterbrochen. Eine Studie zeigt nun, dass sich dennoch einige Paare ihren Kinderwunsch erfüllen konnten: Der Lockdown führte zu vermehrter sexueller Aktivität, die 34 von 431 Paaren Nachwuchs bescherte. Dabei kam es vor allem bei Frauen zu einer Schwangerschaft, die etwas jünger waren, noch nicht so lange auf ein Kind warteten und häufiger Geschlechtsverkehr hatten als andere (3,6- vs. 1,9-mal pro Woche). Die Frequenz des Geschlechtsverkehrs ist wohl noch wichtiger als vermutet, so die Studienautoren.

In den letzten Monaten sind viele Daten zum Verlauf von COVID Infektionen in der Schwangerschaft erschienen. Kanadische Forscher fassten vor kurzem nun in einer großen Metaanalyse 42 Studien mit über 430000! Schwangeren zusammen. 2 % der beobachteten Schwangeren erkrankten im Verlauf an COVID-19. Dieser Schwangerschaftsverlauf wurde verglichen mit dem Verlauf der Schwangeren, die nicht an COVID-19 erkrankten.

Die Autoren kamen nach Auswertung aller Studien zu dem Ergebnis, dass eine COVID-19 Infektion in der Schwangerschaft mit erheblichen geburtshilflichen Risiken verbunden war. So führte eine Infektion zu einem 30 % höherem Präeklampsierisiko, zu einem 80 % höheren Risiko für eine Frühgeburt und das Risiko für eine Totgeburt verdoppelte sich sogar.

Entscheidend bei diesen Risiken war die Schwere der COVID-19 Infektion. Bei einer schweren Infektion war das Risiko für Frühgeburten und Präeklampsie viermal höher als bei einer milden Infektion. 

 

Wie viele Schwangere sind infiziert?


Hierzu gibt es verschiedene Untersuchungen, die abhängig sind von der Prävalenz in den unterschiedlichen Städten. So waren in New York zum Beispiel 7 - 15 % aller Schwangeren, die zur Geburt kamen, SARS-CoV-2 positiv. In Deutschland waren es nur 0,6 %. Interessant ist, dass 70 – 90 % der Schwangeren in diesen Untersuchungen keine Symptome aufwiesen. Weiterhin gibt es glücklicherweise keine Hinweise, dass Schwangere sich häufiger oder leichter infizieren. Bei Frauen im Allgemeinen scheint auch das Risiko für schwere COVID-19-Verläufe geringer zu sein, als bei Männern. Hier wird vermutet, dass die weiblichen Sexualhormone Estradiol und Progesteron positive schützende immunologische und antientzündliche Eigenschaften haben.

 

Verlauf einer COVID-19 Infektion in der Schwangerschaft


In der Schwangerschaft scheint interessanterweise ein deutlich größerer Teil gar keine Symptome zu haben als außerhalb der Schwangerschaft. Wenn Schwangere erkranken, dann meistens mild bis moderat (das ist bei rund 65 – 86 % der Fall). Aber mit steigendem Schwangerschaftsalter, insbesondere im 3. Trimester, sind mehr Frauen symptomatisch.

Eine stationäre Behandlung im Krankenhaus erfolgt bei Schwangeren mit einer COVID-19-Infektion (31 %) deutlich häufiger als bei nicht schwangeren Frauen (5 %). Erkrankte Schwangere, die stationär aufgenommen wurden, benötigten dann häufiger eine intensivmedizinische Behandlung und Beatmung als nicht schwangere Frauen. In Deutschland erhielten knapp 6 % aller stationär aufgenommenen Schwangeren mit COVID19 eine intensivmedizinische Beatmung.

Trotz höherem Risiko für eine Aufnahme auf einer Intensivstation und eine Beatmung ist die Mortalitätsrate (die Sterblichkeit) für Schwangere NICHT höher als für nicht schwangere Frauen (zwischen 0,1 und 5,6 %). Die berichteten Todesfälle in Verbindung mit einer COVID-19-Infektion  stehen meistens in Verbindung mit Vorerkrankungen.

 

Was sind Risikofaktoren für einen schweren Krankheitsverlauf bei einer COVID-19-Erkrankung in der Schwangerschaft?


Die Risikofaktoren sind ähnlich wie bei Nicht-Schwangeren. Frauen mit Vorerkrankungen, wie Asthma, Bluthochdruck, Diabetes oder Übergewicht haben ein höheres Risiko für einen schwereren Verlauf.

Daher ist meine Empfehlung ganz klar, sich nach Möglichkeit bei Kinderwunsch und vor einer geplanten Schwangerschaft gegen COVID-19 💉 impfen zu lassen. 

 

Führt eine COVID-19-Infektion zu mehr Komplikationen in der Schwangerschaft?


Fehlgeburten

Fehlgeburten traten bisher in der SARS-CoV-2-Pandemie nicht häufiger auf. In verschiedenen großen weltweiten Studien wird von einer Fehlgeburtsrate von etwas über 2 % berichtet. Aber hier lässt die aktuelle Studienlage noch keine ganz abschließende Bewertung zu.

Fehlbildungen

Es gibt bislang glücklicherweise keinerlei Anhalt, dass eine mütterliche COVID-19-Infektion mit einem erhöhten Risiko für Fehlbildungen in Verbindung steht. Es wird auch als sehr unwahrscheinlich angesehen, dass eine COVID-19-Infektion in der Schwangerschaft auf das ungeborene Kind übertragen werden kann (vertikale Transmission), da der allergrößte Teil der geborenen Kinder gesund war. Allerdings kann es auch nicht komplett ausgeschlossen werden, da in einzelnen Fallberichte über infizierte Kinder berichtet wurde.

Störungen der Durchblutung und des kindlichen Wachstums

Einige Untersuchungen zeigen Veränderungen in der Plazenta nach einer COVID-19-Infektion, die zu einer möglicherweise verminderten Durchblutung führen können. Daher werden regelmäßige Ultraschallkontrollen mit Messung der Durchblutung (Doppler) bei und nach einer COVID-19-Infektion empfohlen. Es wird auch über ein erhöhtes Präeklampsierisiko berichtet (10 % bei einer COVID-19 Infektion vs. 6 % ohne COVID-19-Infektion).

Frühgeburtsrisiko

Das Risiko für eine Frühgeburt scheint bei COVID-19 erkrankten Schwangeren höher zu sein. Hier gibt es unterschiedliche Daten, zwischen 6 – 80% Frühgeburten werden berichtet. 75 % dieser Frühgeburten entfallen aber auf die 34. SSW und später. Hier wird noch diskutiert, dass wahrscheinlich ein großer Teil der Frühgeburten auf ärztliche Maßnahmen wie Einleitung oder Kaiserschnitt aufgrund des mütterlichen Gesundheitszustands zurückzuführen ist.

Totgeburten

Eine aktuelle englische Studie berichtet über eine deutlich gestiegene Zahl von Totgeburten während der Pandemiezeit: Risiko für eine Totgeburt verdoppelt sich.

 

Was sollte bei einer COVID-19-Infektion in der Schwangerschaft beachtet werden?


Es besteht ein höheres Risiko für Thrombosen bei SARS-CoV-2-Infektionen in der Schwangerschaft. Daher sollte insbesondere in der Quarantäne auf ausreichende Bewegung, Kompressionstherapie (also: Thrombosestrümpfe) und ausreichende Flüssigkeitsaufnahme geachtet werden. Bei Aufnahme in eine Klinik wird empfohlen Heparin zur Thromboseprophylaxe zu spritzen, außer, wenn die Geburt unmittelbar bevorsteht.
Bei der Schwangerschaftsvorsorge empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) regelmäßige, 2 – 4-wöchige, Ultraschallkontrollen mit Messung der Durchblutung (Doppler), da wie oben beschrieben, in einigen Studien Hinweise auf eine eingeschränkte Funktion der Plazenta bei Infektionen mit SARS-CoV-2 gefunden wurde.

Fazit: Also insgesamt sehr beruhigende Daten zu Kinderwunsch und Schwangerschaft in der jetzigen Pandemiesituation! Der allergrößte Teil der Schwangeren ist symptomlos bzw. erkrankt nur leicht. Von den stationär aufgenommenen Patientinnen sind zwar mehr Schwangere intensiv- und beatmungspflichtig, aber die Sterblichkeitsrate ist nicht erhöht. Die allermeisten schweren Verläufe werden bei Schwangeren mit Vorerkrankungen und höherem mütterlichen Alter gesehen.

 

Wird die Infektion in der Schwangerschaft auf das Kind übertragen?


Bei den 55 schwangeren Frauen mit COVID-19 Infektion und 46 Neugeborenen (Stand April), die wissenschaftlich beschrieben wurden, wurde keine sogenannte vertikale Transmission festgestellt. Es hat also keine Übertragung der Infektion von der Mutter auf das Kind während der Schwangerschaft stattgefunden (Dashraath et al Am J Obstet Gynecol 2020).

Es besteht dennoch ein theoretisches Risiko, dass die Infektion auf das ungeborene Kind übertragen wird. Vor Kurzem wurde in der Presse von zwei Neugeborenen in China und London von COVID-19 infizierten Müttern berichtet, die kurz nach der Geburt positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden.
Bei allen Untersuchungen wurde bislang kein Virus in Fruchtwasser, Nabelschnurblut, Muttermilch oder Rachenabstrich bei den Neugeborenen von COVID-19 erkrankten Müttern nachgewiesen (Chen et al. 2020).

Bislang gibt es keine geburtshilflichen Daten über schwangere Frauen, die im ersten Trimester erkrankt sind. Dennoch gibt es eine gewisse Sicherheit, dass bei Kindern COVID-19 in den meisten Fällen sehr mild zu verlaufen scheint (Xu et al. 2020 und Cai et al. 2020).

Muss die Geburt bei einer COVID-19-Infektion per Kaiserschnitt stattfinden?


Die DGGG (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe) sagt hierzu, dass es keinen Grund für eine Entbindung mittels Kaiserschnittes bei einer vermuteten Coronavirus-Infektion gibt. Wenn jedoch aufgrund von Atemwegsbeschwerden oder anderen Gründen eine schnelle Entbindung erforderlich wird, so wird eine Kaiserschnittgeburt empfohlen.

Zum Weiterlesen: Ob die Corona-Impfung in der Kinderwunschzeit und während der Schwangerschaft empfohlen wird, erfahren Sie hier.

Quellen und Links zu den Empfehlungen der Fachgesellschaften:


Dashraath P, Jing Lin Jeslyn W, Mei Xian Karen L, Li Min L, Sarah L, Biswas A, Arjandas Choolani M, Mattar C, Lin SL, Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) Pandemic and Pregnancy, American Journal of Obstetrics and Gynecology (2020) (Link)

Chen H, Guo JMS, Chen W, et al. Clinical characteristics and intrauterine vertical transmission potential of COVID-19 infection in nine pregnant women: a 573 retrospective review of medical records. Lancet 2020; published online Feb 12. (Link)

Xu, Y., Li, X., Zhu, B. et al. Characteristics of pediatric SARS-CoV-2 infection and potential evidence for persistent fecal viral shedding. Nat Med 2020; published online Mar 13. DOI:10.1038/s41591-020-0817-4 (Link)

Wei SQ et al. The impact of COVID-19 on pregnancy outcomes: a systematic review and meta-analysis. CMAJ 2021

Knight et al. Obstetric Surveillance System SARS-CoV-2 Infection in Pregnancy Collaborative Group . Characteristics and outcomes of pregnant women admitted to hospital with confirmed SARS-CoV-2 infection in UK: national population based cohort study. BMJ 369: m2107, 2020.

Cai J, Xu J, Lin D, et al. A case series of children with 2019 novel coronavirus infection: clinical and epidemiological features. Clin Infect Dis 2020; published online Feb 28. DOI:10.1093/cid/ciaa198 (Link)

DGGG – Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (Link)

ESHRE – European Society of Human Reproduction and Embryology (Link)

ASRM – American Society for Reproductive Medicine (Link)